Unterwegs zu meinen Kunden: Das Paul-Gerhardt-Haus in Mittenwalde

Vom Krankenhaus zum Rathaus: Das denkmalgeschützte Paul-Gerhardt-Haus in Mittenwalde erzählt über 100 Jahre Baugeschichte – ein Bausachverständiger schaut genauer hin.

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Das denkmalgeschützte Paul-Gerhardt-Haus in Mittenwalde – ein mächtiger roter Backsteinbau mit hohen Giebeln, heute Rathaus, ursprünglich Krankenhaus

Wer beruflich viel in Berlin und Brandenburg unterwegs ist, fährt häufig an Gebäuden vorbei, deren Geschichte sich auf den ersten Blick kaum erschließt. Manche davon sind weit mehr als nur schöne historische Bauwerke. Sie erzählen von der Entwicklung unserer Städte, von früherer Gesundheitsfürsorge, von bedeutenden Persönlichkeiten und nicht zuletzt von der Baukunst ihrer Zeit. Eines dieser Gebäude steht in Mittenwalde südlich von Berlin: das heutige Rathaus, das noch immer den Namen Paul-Gerhardt-Haus trägt.

Das denkmalgeschützte Paul-Gerhardt-Haus in Mittenwalde – ein mächtiger roter Backsteinbau mit hohen Giebeln, heute Rathaus, ursprünglich Krankenhaus

Der mächtige rote Backsteinbau fällt bereits durch seine ungewöhnliche Architektur auf. Wer das Gebäude heute betrachtet, würde vermutlich nicht sofort vermuten, dass es ursprünglich für einen ganz anderen Zweck errichtet wurde. Das heutige Verwaltungsgebäude war über mehr als acht Jahrzehnte ein Krankenhaus. Und auch der Name Paul Gerhardt ist keineswegs zufällig gewählt worden.

Vom Krankenhaus zum Rathaus

Das denkmalgeschützte Paul-Gerhardt-Haus entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Baubeginn wurde dabei ganz bewusst auf ein besonderes Datum gelegt: Am 12. März 1907, dem 300. Geburtstag des Kirchenlieddichters Paul Gerhardt, wurde der Grundstein für das damalige Paul-Gerhardt-Kreiskrankenhaus gelegt. Bereits ab 1908 diente das Gebäude der medizinischen Versorgung der Bevölkerung Mittenwaldes und der umliegenden Orte.

Initiator des Krankenhausbaus war nach Angaben der Stadt Mittenwalde der damalige Landrat Ernst von Stubenrauch. Stubenrauch spielte bei der Entwicklung des Berliner Umlandes um 1900 eine bedeutende Rolle und ist vielen Berlinern bis heute vor allem durch den nach ihm benannten Stubenrauchring beziehungsweise durch seine Beteiligung an großen Infrastrukturprojekten der damaligen Zeit ein Begriff. Für sein Engagement wurde er 1907 zum Ehrenbürger Mittenwaldes ernannt.

Der Krankenhausbau war damit nicht lediglich ein Zweckbau. Schon durch seinen Namen und die Wahl des Tages des Baubeginns wurde er zugleich zu einem Erinnerungsort für eine Persönlichkeit, die mit Mittenwalde eng verbunden war.

Eine außergewöhnliche Architektur

Architektonisch gehört das Paul-Gerhardt-Haus zu jenen Gebäuden, bei denen sich ein genauerer Blick lohnt. Der aus rotem Backstein errichtete Bau besitzt eine ausgesprochen repräsentative und teilweise wehrhaft wirkende Gestaltung. Nach Angaben der Stadt wurde das Krankenhaus bewusst in Anlehnung an die mittelalterliche Befestigungsarchitektur Mittenwaldes entworfen. Damit unterscheidet sich das Gebäude deutlich von einem rein funktional gestalteten Krankenhausbau.

Hohe Giebel, spitzbogige Elemente, unterschiedlich gegliederte Fassadenflächen und der kräftige Backstein verleihen dem Bau einen fast burgartigen Charakter. Die Architektur greift damit historische Formen auf, ohne tatsächlich ein mittelalterliches Gebäude nachzuahmen.

Besonders interessant ist der Haupteingang. Über dem Portal befindet sich deutlich sichtbar die Bezeichnung „PAUL GERHARDT HAUS”. Darunter, im unmittelbaren Portalbereich, befindet sich ein Mosaikbildnis Paul Gerhardts. Daneben finden sich zwei weitere symbolische Darstellungen an der Fassade. Die Stadt Mittenwalde beschreibt diese als Medaillons mit einem Pelikan als Sinnbild der Opferbereitschaft sowie einer Schlange mit Becher als Symbol der Heilkunst. Gerade diese Details erinnern noch heute unmittelbar an die ursprüngliche Nutzung des Gebäudes als Krankenhaus.

Für einen Bausachverständigen sind solche Gebäude besonders spannend. Architektur bestand auch damals nicht nur aus Konstruktion und Gestaltung. Gebäude sollten bereits durch ihre Fassade vermitteln, welchem Zweck sie dienten und welche gesellschaftliche Bedeutung ihnen zugemessen wurde.

Infotafel der Stadt Mittenwalde mit Stadtplan und Wissenswertem zur Geschichte des Paul-Gerhardt-Hauses, im Hintergrund die Giebel des Backsteinbaus

Mehr als 80 Jahre Krankenhausgeschichte

Von 1908 bis 1992 diente das Paul-Gerhardt-Haus grundsätzlich der medizinischen Versorgung. Seine Nutzung änderte sich dabei im Laufe der Jahrzehnte mehrfach.

  • 1908: Inbetriebnahme als Paul-Gerhardt-Kreiskrankenhaus
  • 1951: Umwandlung in eine Außenstelle des Krankenhauses Königs Wusterhausen
  • 1963: Umstrukturierung zur dermatologischen Poliklinik
  • nach 1990: rückläufige Auslastung, schließlich Einstellung des Krankenhausbetriebs

Damit endete nach mehr als acht Jahrzehnten die medizinische Geschichte des Hauses. Das Gebäude blieb jedoch erhalten.

Mit der Bildung des Amtes Mittenwalde fiel 1992 die Entscheidung, das ehemalige Krankenhaus als Verwaltungsgebäude weiterzuverwenden. Zuvor wurde der historische Bau restauriert und saniert. 1993 zog die Verwaltung in das Paul-Gerhardt-Haus ein. Heute befindet sich hier der Verwaltungssitz der Stadt Mittenwalde.

Aus baugeschichtlicher Sicht ist dies ein schönes Beispiel dafür, wie ein historisches Gebäude trotz des Wegfalls seiner ursprünglichen Nutzung dauerhaft erhalten werden kann. Statt Abriss erfolgte eine Umnutzung. Das ehemalige Krankenhaus erhielt damit eine neue Funktion, ohne seine Geschichte vollständig zu verlieren.

Aber wer war eigentlich Paul Gerhardt?

Der Name Paul Gerhardt dürfte vielen Menschen bekannt vorkommen – häufig ohne dass ihnen bewusst ist, wie eng dieser Name gerade mit Mittenwalde verbunden ist.

Paul Gerhardt wurde am 12. März 1607 in Gräfenhainichen geboren und starb am 27. Mai 1676 in Lübben. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen evangelischen Kirchenlieddichter. Rund 140 deutsche Lieder und Gedichte werden ihm zugerechnet. Noch heute gehören mehrere seiner Texte zum festen Bestand evangelischer Gesangbücher – einige seiner Lieder sind sogar Menschen bekannt, die mit Kirchenmusik ansonsten wenig Berührung haben. Dazu gehören beispielsweise:

  • „Geh aus, mein Herz, und suche Freud”
  • „Befiehl du deine Wege”
  • „Nun ruhen alle Wälder”
  • „Wie soll ich dich empfangen”
  • „O Haupt voll Blut und Wunden”

Dass ausgerechnet Mittenwalde Paul Gerhardt bis heute besonders verehrt, hat einen guten Grund.

Paul Gerhardt in Mittenwalde

Im Jahr 1651 wurde Paul Gerhardt Propst – also erster Pfarrer – und Inspektor beziehungsweise Superintendent an der St.-Moritz-Kirche in Mittenwalde. Er übernahm sein Amt nur wenige Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges.

Die Situation, die er damals vorfand, war mit der heutigen beschaulichen Kleinstadt kaum vergleichbar. Mittenwalde und zahlreiche umliegende Ortschaften waren durch Krieg, Einquartierungen, Plünderungen, Krankheit und wirtschaftliche Not schwer getroffen worden. Gerhardt kam somit nicht in eine prosperierende Gemeinde, sondern in eine Region, die sich erst langsam von jahrzehntelangen Verwüstungen erholte.

Und gerade in dieser Zeit entstanden zahlreiche seiner bedeutenden Texte. Die Stadt Mittenwalde weist darauf hin, dass Gerhardt während seiner Tätigkeit hier einige seiner wichtigsten Werke schrieb. Seine Lieder über Hoffnung, Vertrauen, Trost, Natur und Vergänglichkeit erhalten vor diesem historischen Hintergrund noch einmal eine andere Bedeutung.

Von 1651 bis 1657 lebte und wirkte Paul Gerhardt in Mittenwalde. Im Juli 1657 verließ er die Stadt und ging nach Berlin, wo er Diakon an der Nikolaikirche wurde. Später führte ihn sein Lebensweg nach Lübben, wo er 1676 starb.

Die St.-Moritz-Kirche – sein eigentlicher Wirkungsort

Wer sich das Paul-Gerhardt-Haus anschaut, sollte deshalb auch einen Blick auf die St.-Moritz-Kirche werfen. Sie ist der eigentliche historische Wirkungsort Paul Gerhardts in Mittenwalde.

Die große Backsteinkirche prägt mit ihrem weithin sichtbaren Turm das Stadtbild. Nach Angaben der Stadt ist der etwa 67 Meter hohe Turm der höchste begehbare Kirchturm Brandenburgs. Nach rund 190 Stufen bietet sich ein weiter Blick über Mittenwalde und das Umland.

Im Kirchgarten erinnert heute zusätzlich eine bronzene Paul-Gerhardt-Statue an den berühmten Prediger und Liederdichter. Sie wurde im Juli 2001 eingeweiht. Damit liegen in Mittenwalde mehrere Orte dicht beieinander, die zusammen eine kleine geschichtliche Spur bilden: die St.-Moritz-Kirche als Wirkungsstätte, das Paul-Gerhardt-Denkmal und das rund 250 Jahre später errichtete Paul-Gerhardt-Haus.

Eine Erinnerung, die bis heute fortlebt

Die Verbindung zwischen der Stadt und Paul Gerhardt besteht bis in die Gegenwart. Paul Gerhardt gilt als erster Ehrenbürger Mittenwaldes. 2018 beschlossen die Stadtverordneten außerdem, der Stadt offiziell die Zusatzbezeichnung „Paul-Gerhardt-Stadt” zu geben.

Dass diese Erinnerung mehr als nur historische Dekoration ist, zeigt sich auch daran, dass regelmäßig Veranstaltungen zu Leben und Werk Gerhardts stattfinden. 2026 standen die Paul-Gerhardt-Tage in Mittenwalde im Zeichen seines 350. Todestages.

Mein Blick auf das Gebäude

Gerade bei meinen Fahrten zu Baustellen und Kunden begegnen mir immer wieder Gebäude, an denen man normalerweise einfach vorbeifahren würde. Beim Paul-Gerhardt-Haus lohnt es sich, einmal anzuhalten. Denn hinter der auffälligen Backsteinfassade verbergen sich mehrere geschichtliche Ebenen zugleich.

Da ist zunächst Paul Gerhardt, der Mitte des 17. Jahrhunderts in einer vom Dreißigjährigen Krieg schwer gezeichneten Stadt als Pfarrer wirkte. Mehr als 250 Jahre später erinnerte man sich bei der Errichtung eines modernen Krankenhauses an ihn und verband seinen Namen mit einer Einrichtung, die der Versorgung der Bevölkerung dienen sollte. Wieder rund 85 Jahre später verlor das Gebäude seine ursprüngliche Aufgabe als Krankenhaus – wurde aber nicht aufgegeben, sondern saniert und einer neuen Nutzung als Rathaus zugeführt.

Damit erzählt das Paul-Gerhardt-Haus auch eine kleine Geschichte über den Umgang mit Gebäuden. Ein Bauwerk kann seine ursprüngliche Funktion verlieren und trotzdem seinen Wert für eine Stadt behalten. Heute ist das ehemalige Krankenhaus sowohl Baudenkmal als auch Rathaus und zugleich Erinnerungsort an einen der bedeutendsten deutschen Kirchenlieddichter. Genau solche Fragen der Umnutzung und des Erhalts von Bausubstanz begegnen mir in meiner Arbeit als Bausachverständiger regelmäßig.

Fazit: Sehenswertes am Wegesrand

Das Paul-Gerhardt-Haus ist ein schönes Beispiel dafür, warum es sich lohnt, auf dem Weg zu einem Termin gelegentlich etwas genauer hinzusehen. Zwischen Berlin und den zahlreichen Baustellen im Brandenburger Umland liegen unzählige solcher Orte. Manchmal ist es ein altes Krankenhaus, manchmal eine Kirche, eine Brücke, ein Industriebau oder ein scheinbar unscheinbares Wohnhaus. Viele dieser Gebäude haben Geschichten zu erzählen.

Ich werde daher künftig während meiner Fahrten zu Bauvorhaben und Kundenterminen immer wieder interessante Bauwerke und Sehenswürdigkeiten vorstellen, die mir auf meinen Wegen durch Berlin und Brandenburg begegnen. Denn Baugeschichte findet sich nicht nur in großen Architekturführern. Oft steht sie unmittelbar am Straßenrand.


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Häufige Fragen zum Paul-Gerhardt-Haus in Mittenwalde

Was ist das Paul-Gerhardt-Haus in Mittenwalde? Das Paul-Gerhardt-Haus ist ein denkmalgeschützter Backsteinbau in Mittenwalde südlich von Berlin. Es wurde ab 1907 als Kreiskrankenhaus errichtet, diente bis 1992 der medizinischen Versorgung und ist seit 1993 der Verwaltungssitz der Stadt Mittenwalde – also das Rathaus.

Warum heißt das Rathaus von Mittenwalde Paul-Gerhardt-Haus? Der Bau wurde nach dem Kirchenlieddichter Paul Gerhardt benannt, der von 1651 bis 1657 als Propst an der St.-Moritz-Kirche in Mittenwalde wirkte. Der Grundstein für das Krankenhaus wurde bewusst am 12. März 1907 gelegt, seinem 300. Geburtstag.

Wer war Paul Gerhardt? Paul Gerhardt (1607–1676) gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen evangelischen Kirchenlieddichter. Rund 140 Lieder und Gedichte werden ihm zugerechnet, darunter „Geh aus, mein Herz, und suche Freud” und „O Haupt voll Blut und Wunden”. Von 1651 bis 1657 wirkte er als Pfarrer in Mittenwalde.

Kann man das Paul-Gerhardt-Haus besichtigen? Das Paul-Gerhardt-Haus ist heute Rathaus und damit ein öffentliches Verwaltungsgebäude. Die auffällige Backsteinfassade mit dem Mosaikbildnis Paul Gerhardts und den Medaillons ist frei von außen zu sehen. In der Nähe lohnt sich zudem ein Blick auf die St.-Moritz-Kirche mit dem höchsten begehbaren Kirchturm Brandenburgs.