95 Jahre Waldesruh – vom märkischen Wald zur Siedlung vor Berlin
95 Jahre Waldesruh: Wie aus dem Dahlwitzer Forst 1931 eine Landhaussiedlung an der Berliner Stadtgrenze wurde – Geschichte, Bauten und Spuren am Wegesrand.

Am 5. September 2026 feierte Waldesruh sein 95-jähriges Bestehen. Für viele Menschen ist Waldesruh heute vor allem eine ruhige und grüne Wohnsiedlung unmittelbar an der Berliner Stadtgrenze. Doch hinter dem vergleichsweise jungen Ort verbirgt sich eine erstaunlich bewegte Geschichte – von Verkehrsplanungen vor dem Ersten Weltkrieg über die Siedlungsgründung 1931, Krieg und Flakstellungen bis zu Kontrollstellen, Landwirtschaft und geheim gehaltenen Anlagen der Staatssicherheit.
Für mich hat dieses Jubiläum auch einen persönlichen Bezug: Ich wohne selbst nur rund 50 Meter von der Grenze zwischen Berlin und Brandenburg entfernt. Waldesruh liegt damit unmittelbar vor meiner Haustür. Umso interessanter ist es, zum 95. Geburtstag einmal genauer hinzuschauen – ganz im Sinne meiner Reihe „Sehenswertes am Wegesrand”.
Schon vor Waldesruh gab es große Pläne für dieses Gebiet
Die Geschichte Waldesruhs beginnt eigentlich lange vor der Siedlungsgründung von 1931. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich Berliner Stadt- und Verkehrsplaner intensiv mit der Zukunft Berlins und seines Umlandes. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Wettbewerb „Groß-Berlin” von 1910.
Berlin bestand damals noch nicht in seinen heutigen Grenzen. Die Hauptstadt war von zahlreichen selbstständigen Städten, Gemeinden und Gutsbezirken umgeben, die wirtschaftlich und verkehrlich aber längst eng mit Berlin verflochten waren. Die Planer gingen deshalb zunehmend dazu über, Straßen, Wohngebiete, Grünzüge und vor allem Eisenbahnverbindungen für einen größeren zusammenhängenden Raum zu denken.
Auch der östliche Berliner Raum war Teil solcher Überlegungen. Nach historischen Planungen war vorgesehen, aus dem Bereich des heutigen Bahnhofs Birkenstein eine neue Eisenbahnverbindung zu schaffen. Die Strecke sollte die damalige Frankfurter Chaussee – heute die Bundesstraße 1 – queren und weiter in Richtung des späteren Waldesruh und nach Köpenick geführt werden. Damit sollte offenbar eine zusätzliche Verbindung der östlich von Berlin verlaufenden Bahnstrecken mit dem Köpenicker Eisenbahnnetz und den großräumigen Berliner Güter- und Ringbahnverbindungen entstehen.
Besonders bemerkenswert war eine weitere Planung: Im Bereich der späteren Grenze zwischen Waldesruh und Berlin sollte bis in Richtung der Köpenicker Straße ein größerer Güter- beziehungsweise Rangierbahnhof entstehen. Für eine solche Anlage wären erhebliche Flächen benötigt worden.
Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 änderten sich jedoch die Voraussetzungen grundlegend. Zahlreiche große Infrastrukturprojekte wurden zurückgestellt oder ganz aufgegeben – auch diese Eisenbahnverbindung wurde nie gebaut.
Eine Spur im Gelände, die geblieben sein könnte
Interessanterweise sind möglicherweise bis heute Spuren dieser nie verwirklichten Planung erkennbar. Die Köpenicker Straße endet im Bereich des heutigen Sportplatzes auffällig mit ihrer befestigten Straßenführung. Von dort zieht sich in Richtung des Waldrandes nach Köpenick eine deutlich erkennbare, weitgehend unbebaute Fläche weiter.
Wer diesen Bereich heute betrachtet, könnte darin nur eine zufällig freigebliebene Schneise sehen. Vor dem Hintergrund der historischen Verkehrsplanung erhält die Fläche jedoch eine andere Bedeutung: Sie könnte Teil einer ursprünglich für Verkehrs- oder Bahnanlagen freigehaltenen Trasse gewesen sein, die nach dem Scheitern der Vorkriegsplanungen nie ihrer vorgesehenen Nutzung zugeführt wurde. Damit hätte sich im heutigen Ortsbild eine Spur eines Infrastrukturprojektes erhalten, das mehr als hundert Jahre zuvor geplant wurde. Bemerkenswert ist dabei: Waldesruh selbst existierte zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Wo später die Siedlung entstand, befand sich noch der Dahlwitzer Forst.
Wo heute Häuser stehen, war 1930 noch Wald
Waldesruh gehört nicht zu den alten märkischen Dörfern, deren Geschichte mehrere Jahrhunderte zurückreicht. Noch um 1930 bestand das spätere Siedlungsgebiet weitgehend aus Wald. Historische Karten zeigen dort den Dahlwitzer Forst.
Eine entscheidende Rolle spielte die Familie von Treskow, die über viele Jahrzehnte eng mit Dahlwitz verbunden war. Nach dem Tod des Rittergutsbesitzers Carl Heinrich von Treskow im Jahr 1928 ging der Besitz auf seine Witwe Eveline Hedwig von Treskow, geborene von Katte, über. In der Folge entstand der Plan, einen Teil des Dahlwitzer Forstes für eine neue Landhaussiedlung zu verkaufen. 1930 stimmten sowohl der zuständige Landrat als auch die Gemeindevertretung von Dahlwitz-Hoppegarten zu. Vorgesehen war ein etwa 300 Morgen beziehungsweise rund 75 Hektar großes Waldgebiet zwischen Mahlsdorf, Trainierbahn, Köpenick und Heidemühler Weg. Damit war die Grundlage für Waldesruh geschaffen.
Eine Siedlung im Wald
Die neue Siedlung entstand keineswegs ungeordnet. Mit der Vermessung und Parzellierung wurde die Cöpenicker Bau- und Boden GmbH beauftragt. Das Gebiet wurde abschnittsweise vermessen, erschlossen und in Baugrundstücke aufgeteilt – die Arbeiten zogen sich bis 1933 hin.
Der endgültige Siedlungsplan umfasste etwa 800 Parzellen. Hinzu kamen Straßen und Wege sowie bewusst freigehaltene Grün- und Waldflächen. Auch die bis heute charakteristische Waldpromenade war Bestandteil dieser Planung. Die ursprüngliche Vorstellung war eindeutig: Waldesruh sollte kein dicht bebauter Vorort werden, sondern eine großzügige Landhaussiedlung im Grünen. In den damaligen „Waldesruher Nachrichten” wurde der neue Ort werbewirksam als eine Art „Stadt im Walde” dargestellt.
Am 3. Mai 1931 begann der Verkauf der ersten Grundstücke. Viele Parzellen waren etwa 800 bis 1.000 Quadratmeter groß, die Preise lagen je nach Lage bei ungefähr 1,95 bis 2,95 Reichsmark je Quadratmeter.
Berliner ziehen nach Waldesruh
Die Vermarktung richtete sich in erheblichem Umfang an Menschen aus Berlin. Die Firma Scholle und Heim GmbH übernahm einen großen Teil der Organisation und Werbung. Sie gab die „Waldesruher Nachrichten – Blätter für Siedeln und Bauen” heraus und organisierte sogar Omnibusfahrten für Interessenten, die sich die neuen Grundstücke ansehen wollten.
Die Idee traf offenbar den Nerv der Zeit. Viele Berliner wollten zwar weiterhin in der Großstadt arbeiten, aber außerhalb der dichten Bebauung ein eigenes Haus mit Garten besitzen. Waldesruh bot dafür ideale Voraussetzungen. Schon am 1. Juli 1932 wurde der Siedlerverein Waldesruh gegründet. Gleichzeitig entstanden Geschäfte und Handwerksbetriebe – Lebensmittelhändler, Bäcker, Fleischer, Handwerker und Dienstleister ließen sich nieder. 1934 waren bereits mehr als 400 Einwohner polizeilich gemeldet, wenige Jahre später lebten mehrere hundert Familien in Waldesruh. Innerhalb kurzer Zeit war aus einem Stück Dahlwitzer Forst ein richtiger Wohnort geworden.
Waldesruh und Berlin – nur wenige Meter voneinander entfernt
Die unmittelbare Nähe zur Berliner Stadtgrenze prägt Waldesruh bis heute. An manchen Stellen ist die Grenze im Alltag kaum wahrnehmbar, Bebauung und Straßen gehen beinahe ineinander über. Zu Berlin gehörte Waldesruh jedoch nie.
Während der DDR-Zeit lag der Ort im Bezirk Frankfurt (Oder), später im Kreis Strausberg, während unmittelbar daneben Ost-Berlin begann. Trotzdem waren die wirtschaftlichen und persönlichen Verbindungen nach Berlin immer sehr eng: Viele Bewohner arbeiteten dort, kauften dort ein oder hatten Familie auf Berliner Seite. Auch fernmeldetechnisch war Waldesruh eng an Berlin gebunden – der Ort war in das Berliner Telefonnetz eingebunden und erhielt damit die Berliner Vorwahl. Diese besondere Lage spielte in den folgenden Jahrzehnten immer wieder eine Rolle.
Der Zweite Weltkrieg erreicht Waldesruh
Mit dem Zweiten Weltkrieg bekam die Nähe Berlins eine völlig andere Bedeutung. Als die Luftangriffe auf die Reichshauptstadt zunahmen, geriet auch Waldesruh zunehmend in den Bereich der Bombardierungen. Wohnhäuser, Straßen und Versorgungsleitungen wurden beschädigt.
Auch militärische Einrichtungen entstanden. Nach örtlicher Überlieferung und chronikalischen Hinweisen befand sich links der Chaussee nach Dahlwitz eine Flakstellung der Wehrmacht zur Luftverteidigung des östlichen Berliner Raumes. Im Bereich Ravenstein war zudem eine Flakscheinwerfer-Abteilung stationiert, die nachts der Erfassung feindlicher Flugzeuge diente. Darüber hinaus gab es in der Umgebung militärische Nachrichten- und Funkstellen.
Auch Schutzbauten wurden errichtet. Für die Jahre 1943/44 ist im Wald an der Ravensteiner Promenade ein sogenannter Mutter-Kind-Luftschutz-Flachbunker überliefert. Nach örtlicher Überlieferung ist in Waldesruh beziehungsweise im unmittelbaren Umfeld bis heute ein Bunker aus dieser Zeit erhalten geblieben. Seine genaue ursprüngliche Funktion müsste allerdings noch anhand von Bauform, Lageplänen und archivalischen Unterlagen geklärt werden.
Die letzten Kriegstage 1945
Im April 1945 lag Waldesruh unmittelbar im Vormarschgebiet der Roten Armee auf Berlin. Schützengräben und Unterstände wurden angelegt, Panzersperren errichtet. Im Bereich der Erpe wurde das Gelände teilweise aufgestaut, um den Vormarsch sowjetischer Truppen zu erschweren. In den letzten Apriltagen erreichten sowjetische Truppen Waldesruh, Panzer stießen aus Richtung Dahlwitz weiter nach Berlin vor.
Mit dem Ende der Kampfhandlungen war der Krieg für die Einwohner zwar vorbei, doch die Folgen blieben lange sichtbar. Straßen und Grundstücke waren beschädigt, Versorgungsanlagen zerstört, zahlreiche Menschen hatten ihre Heimat verloren. Flüchtlinge und Vertriebene wurden in vorhandenen Häusern untergebracht.
Vom Kriegsgelände zum Sportplatz
Auch der heutige Sportplatz hat eine bemerkenswerte Geschichte. Das Gelände war während des Krieges durch Bombentrichter beschädigt worden. Nach 1945 nutzte die Rote Armee das Areal zeitweise als Schießplatz und ließ Schutzwälle anlegen – einer dieser Wälle soll im Bereich des heutigen Platzes 3 noch immer erkennbar sein.
In den frühen 1950er Jahren erhielten die örtlichen Sportler das Gelände zurück. Die Wiederherstellung erfolgte zu großen Teilen in Eigeninitiative: Nach der Vereinsüberlieferung pflügte der Bauer Adam Cyran die Fläche mit einem Pferdegespann, Tore wurden selbst hergestellt und Jugendliche sammelten Schrott, Flaschen und Altpapier, um Sportgeräte und Bälle zu finanzieren. 1957 erfolgte die Neugründung als Blau-Weiß Mahlsdorf-Süd, 1958 wurde der Sportplatz erneut hergerichtet.
In den folgenden Jahrzehnten wurde die Anlage weiter ausgebaut. Während der DDR-Zeit erhielt der Verein mit dem VEB Bauapparaturen Marzahn einen Trägerbetrieb, wodurch sich auch die Möglichkeiten zur Entwicklung der Sportstätte verbesserten. In dieser Zeit entstanden beziehungsweise erweiterten sich zusätzliche Fußballflächen im Bereich der Trainierbahn. Und ausgerechnet auf diesem geschichtsträchtigen Gelände wurde nun das 95-jährige Bestehen des Ortes gefeiert.
→ Das offizielle Festprogramm „95 Jahre Waldesruh” als PDF ansehen
Kontrollstellen zwischen Waldesruh und Berlin
Ein besonders interessantes Kapitel ist die Grenze zwischen Waldesruh und Ost-Berlin. Waldesruh lag nicht an West-Berlin, deshalb gab es hier keine Berliner Mauer und keinen dauerhaft ausgebauten Grenzstreifen. Trotzdem existierten zeitweise Absperrungen, Schlagbäume und Kontrollstellen.
Ihr Hintergrund lag in der besonderen politischen Situation Berlins. Vor dem Mauerbau 1961 konnte man aus dem Berliner Umland über Ost-Berlin vergleichsweise leicht nach West-Berlin gelangen. Aus diesem Grund wurden auch die Zufahrten aus dem Umland kontrolliert. Ältere Anwohner erinnern sich etwa an einen Schlagbaum im Bereich der Akazienallee, der nach örtlicher Überlieferung zumindest zeitweise von Angehörigen der Roten Armee betrieben worden sein soll. Später übernahmen DDR-Organe die Kontrollen.
Für Waldesruh sind ab Mitte der 1950er Jahre mehrere feste Kontrollstellen bekannt, unter anderem am Heidemühler Weg, im südlichen Bereich nahe dem Sportplatz und an der Friedrichshagener Chaussee. Der einfahrende Kraftfahrzeugverkehr wurde dort noch bis in die 1970er Jahre kontrolliert. Nach dem Mauerbau 1961 verlor diese Kontrolle zwar einen wesentlichen Teil ihrer Funktion, verschwand aber nicht sofort. Damit lag Waldesruh zwar nicht unmittelbar an der Berliner Mauer, wohl aber im sicherheitspolitischen Vorfeld der geteilten Stadt.
Landwirtschaft und große Rinderställe
Auch das ländliche Umfeld blieb während der DDR-Zeit von großer Bedeutung. Im Bereich Heidemühle befand sich ein umfangreicher landwirtschaftlicher Betrieb, in dem unter anderem Rinder, Schweine, Schafe und Geflügel gehalten wurden. Große Stallanlagen und Melkeinrichtungen prägten diesen Randbereich Waldesruhs.
Der Betrieb beschäftigte zahlreiche Menschen aus Waldesruh und der Umgebung. Ältere Bewohner erinnern sich noch gut an die großen Rinderställe – und an die Geruchsbelastung bei entsprechender Windrichtung. Anfang der 1970er Jahre soll einer der großen Kuhställe infolge einer Brandstiftung abgebrannt sein. Daneben existierte in einem Waldstück bei Heidemühle zeitweise auch eine Nerzfarm, deren genaue organisatorische Zuordnung bis heute nicht abschließend geklärt ist.
Geheimnisvolle Anlagen am Rand der Siedlung
Gerade während der DDR-Zeit befanden sich in und um Waldesruh mehrere Bereiche, deren tatsächliche Nutzung für die Bevölkerung weitgehend unbekannt war. Heute ist zumindest ein Teil davon dokumentiert.
Das Ministerium für Staatssicherheit betrieb in der Friedhofstraße 20 in Waldesruh ein Ausbildungs- und Schulungsobjekt der Hauptabteilung VIII, die insbesondere für Observation, Überwachung und operative Maßnahmen zuständig war. Mitarbeiter wurden dort in entsprechenden Methoden ausgebildet. Der gesamte Raum Hoppegarten war für das MfS von erheblicher Bedeutung; weitere Dienststellen befanden sich beispielsweise an der Lindenallee.
Nach Erinnerungen von Einwohnern gehörte zu einem abgeschirmten Gelände an der Berliner Grenze auch ein Sendemast. Die Zufahrt soll von Mahlsdorfer Seite erfolgt sein, obwohl das Grundstück selbst auf Waldesruher Gebiet lag. Damit ist denkbar, dass das Areal territorial zu Waldesruh gehörte, die Anlage organisatorisch jedoch von einer Berliner Dienststelle betrieben wurde. Bemerkenswert ist die Überlieferung, dass der Sendemast auch nach der politischen Wende zunächst weiter betrieben worden sein soll – bis eine Bürgerinitiative erreichte, dass der Sendebetrieb beendet wurde. Die genaue Geschichte dieses Senders – Betreiber, Frequenz und technische Aufgabe – ist noch nicht abschließend geklärt.
Die Überlieferung von einer RAF-Ausbildung
Mit diesem Gelände verbindet sich eine weitere, bis heute nicht vollständig geklärte Geschichte. Nach örtlicher Überlieferung sollen dort sogar Mitglieder der westdeutschen Terrororganisation RAF ausgebildet worden sein.
Dass es enge Kontakte zwischen der Staatssicherheit der DDR und der RAF gab, ist heute eindeutig belegt: Aktive RAF-Mitglieder wurden Anfang der 1980er Jahre vom MfS unterstützt und teilweise im Umgang mit Waffen trainiert. Als gesicherter Ort gilt unter anderem ein konspiratives Objekt bei Briesen nahe Frankfurt (Oder). Für Waldesruh selbst konnte eine solche RAF-Ausbildung bislang jedoch nicht eindeutig archivalisch nachgewiesen werden. Deshalb muss diese Geschichte derzeit als örtliche Überlieferung und offene Forschungsfrage behandelt werden. Ganz ausschließen lässt sie sich nicht – ein Ausbildungsobjekt des MfS ist in Waldesruh tatsächlich dokumentiert. Ein belastbarer Beweis steht jedoch noch aus.
Nach 1990 verändert sich Waldesruh erneut
Mit der deutschen Wiedervereinigung verschwanden viele der politischen und administrativen Besonderheiten, die das Leben in Waldesruh jahrzehntelang geprägt hatten. Die Nähe zu Berlin wurde nun wieder zu einem großen Standortvorteil, und Waldesruh entwickelte sich zunehmend zu einem gefragten Wohnort im unmittelbaren Berliner Umland.
Grundstücke wurden geteilt, neue Häuser entstanden und alte Gebäude modernisiert. Gleichzeitig verschwanden viele der früher selbstverständlichen örtlichen Einrichtungen – kleine Geschäfte, Handwerksbetriebe und große Teile der landwirtschaftlichen Nutzung gingen verloren. Diese Teilung großer Grundstücke und die zunehmende Verdichtung sind übrigens dieselbe Entwicklung, die ich auch im benachbarten Berlin-Mahlsdorf beobachte.
Trotzdem ist der ursprüngliche Charakter Waldesruhs an vielen Stellen bis heute erkennbar. Große Grundstücke, alte Bäume, Gärten und Grünzüge erinnern noch immer an die ursprüngliche Idee einer Landhaussiedlung im Wald.
95 Jahre Waldesruh – und doch beginnt die Geschichte früher
Waldesruh wird in diesem Jahr 95 Jahre alt. Doch die Geschichte des Ortes beginnt nicht erst 1931. Schon Jahrzehnte zuvor hatten Planer den Raum zwischen Dahlwitz, Köpenick und Berlin in großräumige Verkehrs- und Stadtentwicklungsüberlegungen einbezogen. Eine geplante Eisenbahnverbindung und ein möglicher Rangierbahnhof blieben zwar ungebaut, könnten aber bis heute Spuren im Gelände hinterlassen haben.
Dann kam 1931 die eigentliche Siedlungsgründung: Aus Wald wurden Straßen und Grundstücke, Berliner Familien bauten hier ihre Häuser. Wenige Jahre später erreichte der Zweite Weltkrieg den jungen Ort – Flakstellungen, Bomben, Schützengräben und der sowjetische Vormarsch prägten die Jahre bis 1945. Danach folgten eine schwierige Nachkriegszeit, sowjetische Nutzungen, Kontrollstellen, Landwirtschaft, der Ausbau des Sports und geheim gehaltene DDR-Anlagen.
Heute ist Waldesruh ein ruhiger Wohnort unmittelbar an Berlin. Wer von Mahlsdorf nach Waldesruh fährt, bemerkt die Grenze oft kaum noch. Und doch erzählt nahezu jede Straße, jeder Grünzug und manche scheinbar zufällig freigebliebene Fläche von einer Geschichte, die vielschichtiger ist, als man zunächst vermuten würde. Gerade deshalb ist das 95-jährige Bestehen nicht nur ein Anlass zum Feiern, sondern auch eine Gelegenheit, Erinnerungen zu bewahren und offene Kapitel weiter zu erforschen.
Herzlichen Glückwunsch, Waldesruh, zum 95. Geburtstag!
Eine Bitte an unsere Leserinnen und Leser
Wer noch alte Fotografien, Pläne, Karten, Zeitungsartikel oder persönliche Erinnerungen zu Waldesruh besitzt, darf sich gern bei mir melden. Besonders interessieren mich Hinweise zu:
- der geplanten Eisenbahntrasse und dem früher vorgesehenen Rangierbahnhof,
- der Flakstellung und dem noch vorhandenen Bunker,
- den Kontrollstellen an der Berliner Stadtgrenze,
- den landwirtschaftlichen Anlagen in Heidemühle,
- dem Ausbau des Sportplatzes,
- den ehemaligen DDR-Sonderobjekten und dem Sendemast sowie
- der Bürgerinitiative, die sich nach der Wende gegen den weiteren Betrieb des Senders eingesetzt haben soll.
Vielleicht befinden sich in privaten Fotoalben oder Unterlagen noch Dokumente, die helfen, diese offenen Fragen zu beantworten.
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Häufige Fragen zu Waldesruh
Seit wann gibt es Waldesruh? Waldesruh wurde 1931 als Landhaussiedlung gegründet; der Verkauf der ersten Grundstücke begann am 3. Mai 1931. Am 5. September 2026 feierte der Ort sein 95-jähriges Bestehen. Zuvor bestand das Gebiet weitgehend aus dem Dahlwitzer Forst.
Gehört Waldesruh zu Berlin? Nein. Waldesruh ist ein Gemeindeteil der Gemeinde Hoppegarten im Landkreis Märkisch-Oderland und lag nie auf Berliner Gebiet. Der Ort grenzt jedoch unmittelbar an Berlin-Mahlsdorf und war früher sogar in das Berliner Telefonnetz mit Berliner Vorwahl eingebunden.
Was war vor der Siedlung Waldesruh dort? Noch um 1930 bestand das Gebiet weitgehend aus Wald – dem Dahlwitzer Forst der Familie von Treskow. Nach 1930 wurde ein rund 75 Hektar großes Waldstück für eine Landhaussiedlung verkauft, vermessen und in etwa 800 Parzellen aufgeteilt.
Gab es in Waldesruh eine Grenze oder Mauer? Waldesruh lag nicht an West-Berlin, deshalb gab es hier keine Berliner Mauer. Wegen der Nähe zu Ost-Berlin bestanden jedoch zeitweise Kontrollstellen, etwa am Heidemühler Weg und an der Friedrichshagener Chaussee. Der einfahrende Verkehr wurde bis in die 1970er Jahre kontrolliert.